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Das Home Office, das Arbeiten und das Leben

Dieser Artikel in der FAZ setzt sich kritisch mit dem Thema Heimarbeitsplatz auseinander, vor allem in Bezug auf die Versprechungen vieler, dass der Arbeitnehmer dadurch freier, besser, effizienter und auch entspannter im Sinne von Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben arbeitet.

Der Journalist geht zunächst auf die Hoffnungen ein, die viele fortschrittsgläubigen Menschen seit den 80ern mit der Telearbeit verbanden, um dann aktuellere Studien und Erfahrungen aufzulisten, die diese Hoffnungen teilweise auf den nüchternen Boden der Tatsachen herunterholten.

Ich arbeite nun seit August 2011 mindestens drei Wochen im Monat aus dem rheinischen Home Office und reise einmal im Monat nach München zum Sitz meiner Agentur. Ich kann möchte also nicht auf repräsentative Studien zurückgreifen, sondern eher meine eigenen Erfahrungen mit dem Home Office schildern, die doch überwiegend positiv sind.

Im Artikel werden einige altbekannte Meinungen über die Telearbeit aufgezählt, andere wiederum sind zumindest mir neu gewesen bzw. habe ich noch nicht darüber nachgedacht. Kurz sind es:

  • Unternehmen haben die Sorge, ihre von zu Hause aus arbeitenden Mitarbeiter trödeln und sie versuchen daher, Überwachungsmethoden zu entwickeln.
  • Die Home Officer können Berufliches und Privates nicht besser vereinen, vielmehr ist es so, dass sie mehr arbeiten als ihre Kollegen, die täglich ins Büro fahren.
  • Die technischen Hilfsmittel, die das mobile Arbeiten erst ermöglichten (Smartphone, Tablet, Laptop etc.) verschlimmern das Problem eher, Stichwort ständige Verfügbarkeit oder Invasion des Beruflichen ins Private.
  • Home Office macht dick, weil sich die Telearbeiter weniger bewegen.
  • Durch die Telearbeit wird das Verkehrsproblem nicht entschärft, im Gegenteil reisen mobile Arbeiter als ihre festansässigen Kollegen.

Als wir im August 2011 aus privaten Gründen aus München zurück nach Nordrhein-Westfalen gezogen sind, war ich zunächst meinem Arbeitgeber und meinen beiden Chefinnen sehr dankbar, und bin es heute noch, dass dies überhaupt möglich war. Denn auch wenn viele über Home Office reden, ist das natürlich noch lange nicht Standard.

Freunde und Kollegen sagten mir damals, dass sie es zwar gut oder zumindest bemerkenswert fänden, dass ich das mache, dass sie es selber aber nicht könnten. Ihnen fehle der tägliche Kontakt zu den Kollegen, sie hätten Sorge vor ständiger Ablenkung oder sie würden Berufliches und Privates nicht mehr trennen können und mehr arbeiten.

Home Office Beitrag Bild 1

Zunächst einmal gehört natürlich viel Vertrauen dazu, seinen Mitarbeitern das dauerhafte Home Office zu ermöglichen. Es ist leicht gesagt, dass Unternehmen sich nicht so anstellen sollten mit den Bedenken, ob man im Home Office tatsächlich arbeite oder ob die Mitarbeiter sich nicht zu weit entfernten vom Unternehmen. Schließlich wollen sie ja selbständig arbeitende und flexible Mitarbeiter haben. Und trotzdem kann ich gut verstehen, dass diese Gedanken kommen. Für mich persönlich kann ich nur sagen, dass mich das Vertrauen sehr motiviert und mich eher fester an die Agentur gebunden hat.

Meine Arbeit ist sicher nicht weniger geworden durch den Umzug, warum sollte sie auch? Und trotzdem merke ich, dass ich, von wirklich stressigen Phasen abgesehen, die aber jeder hat, entspannter arbeiten kann hier im Home Office. Ich werde seltener abgelenkt, kann mich dadurch besser konzentrieren und schaffe die Dinge oft schneller als vorher.

Und es fällt mir viel leichter, Privates und Berufliches zu vereinen. Ich genieße es sehr, fast jeden Morgen, Mittag und Abend gemeinsam mit der Familie zu essen und zum Beispiel den Alltag des Sohnes direkt mitzuerleben.

Wenn ich dann allerdings vier Tage im Monat in der Agentur bin, merke ich schon immer wieder mal, dass mir die Kollegen fehlen und ein geschäftiges Bürodasein auch seine Vorteile hat. Auch bekomme ich durch das entfernte Arbeiten weniger mit als vorher. Und das liegt vor allem daran, dass die informellere Kommunikation mit den Kolleginnen oder den Teams wegfällt. Hier gilt es, bestimmte Routinen aufzubauen und vor allem durchzuziehen. Das fällt mir bisweilen schwer.

Andererseits ist meine persönliche Situation vielleicht wieder speziell, weil ich die meiste Zeit sowieso mit Kolleginnen und Kollegen arbeite, die nicht im Münchner Büro sitzen, und daher ist es dann auch wieder unerheblich, wo ich sitze.

Home Office Beitrag Bild 2

Und vor allem bin ich dankbar für die technischen Hilfsmittel, die mir das Arbeiten aus der Ferne ermöglichen. Natürlich sehe ich auch die Gefahr, die der Zwang der ständigen Erreichbarkeit mit sich bringt und hier bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zur Lösung. Allerdings hat auch das nichts mit dem Home Office zu tun. Meine Kollegen, die vorwiegend in der Agentur arbeiten, nutzen die gleichen Geräte und Tools wie ich und haben genauso die Möglichkeit von zu Hause am Abend und an den Wochenenden auf Emails und alles andere zuzugreifen. Hier geht es um die Einstellung, nicht die Technik.

Und zu den letzten beiden oben aufgeführten Meinungen und Studienergebnissen: Ich bewege mich mindestens so viel wie vor meiner Zeit im Home Office, habe über zehn Kilo abgenommen. Und ich fahre zwar regelmäßig mehr lange Strecken nach München und zurück, dafür stecke ich aber nicht täglich im innerstädtischen Berufsverkehr fest.

Diese Vorteile, die ich sehe, müssen natürlich nicht für jeden Menschen gelten und ich weiß, dass sie es nicht tun. Im oben verlinkten Artikel steht:

“Es wurde zwar nicht danach gefragt, aber man wird annehmen dürfen, dass nur wenige dieser Berufstätigen [Telearbeiter] sich befreit fühlen.”

Befreit ist vielleicht ein zu großes Wort, ich war vorher ja nicht gefangen. Aber mir gefällt es so, wie es ist.

1 Kommentar

  1. Ich muss sagen, mir geht es auch um einiges besser seitdem ich im Home Office arbeite. Ich teile mir bzw. kann mir meine Zeit sehr gut selbst einteilen und habe dadurch eine bessere Balance in meinem Arbeits/Leben. Da ich auch sehr viel unterwegs bin, nutze ich ein virtuelles Büro. Seitdem ich damit begonnen habe, ist es wirklich angenehm zu arbeiten, keinen Stress zu haben auf wichtige Sachen zu vergessen, einen wichtigen Anruf zu verpassen etc. Man muss oft nur etwas outside the box denken und etwas riskieren.

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