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Eins

Manchmal, wenn er gar nicht mehr wusste, wohin er gucken sollte, versuchte er es mit lesen.  Er konnte nicht sagen, wie lange er schon auf dem Balkon saß, die Uhr lag in der Küche und die Sonne sagte ihm nur, dass der Sommer bald vorbei war. Und er wusste immer noch nicht, welchen Namen er der Frau geben sollte, die ihm gegenüber sehr gewissenhaft allerlei sportliche Verrenkungen einstudierte. Welchen Namen gibt man einer Frau, die man nicht kennt und eigentlich auch nicht kennen lernen möchte, weil man schon zu viel weiß von ihr und nicht enttäuscht werden möchte, wenn man die Wahrheit erfährt. Er wusste nur, dass sie nicht Klara hieß.

Das Buch, das ihn dann doch nicht vom Gucken abhalten konnte, legte er weg. Auch dort fand er keinen passenden Namen. Er stand auf, ging in die Küche, schaute auf die Uhr und überlegte sich, vor dem Kaffee noch zu spülen, zum einen weil es nötig war, zum anderen  um unnötigen Ärger zu vermeiden. In ungefähr 15 Minuten würde sie nach Hause kommen.

Warum geht eine lesbische Beziehung in die Brüche? Frauen haben doch Antennen für athmosphärische Störungen, da sollte das doch von Vorneherein ausgeschlossen sein. Nach dem Abtrocknen setzte er sich mit seinerm Kaffeebecher zurück auf den Balkon und beobachte Jo (wie einfallsreich er manchmal war), wie sie ihr Leben in Kartons packte, während Cordula auf einer ihrer, wahrscheinlich leeren,Kisten saß und eine Wand anstarrte. Die Eine will, die Andere nicht. Die Eine sieht den Anfang, die Andere das Ende. Und er sah beides.

Man sagt immer, einer leide mehr, wenn es zu Ende geht. Doch so ist es nicht. Im Grunde leiden beide am Ende, nur anders.

Als Klara nach Hause kam, wusste er wieder nicht mehr, wie lange er gesessen und geguckt hatte. Irgendwas muss sich ändern, dachte er sich. Während er auf sie zuging, sie in den Arm nahm und versuchte, den Stress, der nur allzudeutlich an ihr klebte, zu neutralisieren mit Nähe und Stille. Sie war fertig und das sagte sie auch: „Ich bin fertig.“ Sie ging in Richtung Badezimmer, um sich die Lautstärke und die kollektive Einsamkeit der Welt draußen abzuduschen. Und während sie die Jacke zu Boden gleiten ließ, drehte sie sich nochmal nach ihm um, süffisant lächelnd, als wollte sie sagen „Na, wie wär’s?“. Und er wusste wie immer nicht, ob es ernst gemeint war oder nicht. Er entschied sich, wie immer, für nicht. Warum auch immer. Vielleicht, weil er kein Leuchten in ihren Augen sah, nur ein Lächeln auf ihren Lippen.

Sein Kaffeebecher stand noch draußen auf dem Boden. Jo hatte sich zu Cordula gesetzt und sie redeten. Er konnte es fast hören: dass es so nicht weiterging und dass sie es doch beide so gewollt hatten. Die überzeugte Stimme von Jo und das nicht überzeugte Nicken von Cordula. Eine leidet immer mehr…

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