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Flüchtlinge in Deutschland: Früher und heute

Mein Vater wurde 1944 in Danzig geboren, also nicht unbedingt am hoffnungsvollsten Ort zur hoffnungsvollsten Zeit. Meine Großmutter musste aus Danzig fliehen, als mein Vater nicht mal ein Jahr alt war und hatte neben ihm noch zwei seiner Geschwister dabei, die auch nicht viel älter waren.

Sie hat nicht viel von den Erlebnissen dieser Flucht erzählt, die sie über die Schweiz bis ins Ruhrgebiet führte. Das Wenige, was ich zu hören bekam von den schrecklichen Erlebnissen auf dieser Flucht, klang für mich damals als Kind unvorstellbar und ist es heute immer noch. Heute zu einer Zeit, in der wieder Millionen auf der Flucht sind, die wieder ähnliches Leid erfahren haben wie unsere Großmüttergeneration damals vor 70 Jahren (ob nun in Teilen selbstverschuldet, sei dahingestellt und ist nicht mein Thema hier).

Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Flüchtlinge von damals hatten als Ziele Gebiete, die ähnlich zerstört waren wie die, die sie verlassen mussten. Die Flüchtlinge von heute machen sich auf den Weg in Länder, in denen es den Bewohnern ungleich besser geht. Und da sagen Menschen heute und hier, in einem der größten und reichsten Länder Europas allen Ernstes, dass sie überfordert seien? Dass ihr Land schon voll genug sei? Dass sie niemanden mehr aufnehmen könnten?

Ich habe Geschichte studiert und schon immer ein Interesse daran gehabt, was früher war und warum es war. Und dadurch habe ich einen bestimmten Blick auf das bekommen, was heute ist und warum es ist. Ich glaube, der Blick zurück ist gerade jetzt wichtiger denn je, wo die Erinnerungen an das letzte Jahrhundert immer mehr verblassen. Warum sollte ein heute 20-Jähriger wissen, was früher war? Das ist sicher eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe in unserem reichen und satten Land, in dem es scheinbar nur noch um Verwaltung und Vermehrung des materiellen Wohlstands geht. Und in dem viel zu oft die eigentlich wichtigen Dinge vergessen werden.

Die Menschen damals im Nachkriegsdeutschland haben im wahren Sinne des Wortes mit den Flüchtlingen gelitten, weil sie selber leiden mussten. Den Menschen im heutigen Deutschland, die gegen Vertriebene, “Asylbetrüger” oder Ausländer allgemein auf die Straße gehen, die Heime angreifen und Menschen erniedrigen, haben nicht ansatzweise ähnliches Leid erfahren. Und ich wünsche ihnen sicher nicht ähnliche Erfahrungen wie ihren Vorfahren vor 70 Jahren. Doch ich wünsche mir eines von ihnen und von uns allen: Mitleid.

Mitleid mit denen, die hierhin kommen, nicht weil sie ihre Heimat verlassen wollten, sondern weil sie es mussten.

Nicht zuletzt wegen unserer eigenen Geschichte.

Wer etwas tun möchte, kann bei dieser großartigen Initiative mitmachen, bloggen und spenden. Oder einfach bei der Flüchtlingsinitiative vor Ort nachfragen, was gebraucht wird.

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